Saramagos Werke in Portugal: Warum sein Nobelpreis-Erbe plötzlich zur Debatte steht
Lotta BrandtSaramagos Werke in Portugal: Warum sein Nobelpreis-Erbe plötzlich zur Debatte steht
In Portugal sorgt ein neuer Entwurf der Grundlegenden Lernstandards für Diskussionen. Demnach sollen José Saramagos Werke für Schüler der 12. Klasse nicht mehr zwingend verpflichtend sein. Stattdessen könnten Lehrkräfte künftig zwischen zwei seiner Romane oder dem Werk Ein Gott, der im Abendwind spaziert von Mário de Carvalho wählen.
Die geplante Änderung hat eine politische Debatte ausgelöst. Während das Bildungsministerium betont, dass die Entscheidung auf fachlichen Kriterien beruhe, werfen Kritiker der Regierung vor, damit eine gezielte Ausgrenzung des Literaturnobelpreisträgers zu betreiben. Der Entwurf sieht vor, Schulen mehr Flexibilität bei der Auswahl der Lektüre für die Oberstufe einzuräumen. Statt wie bisher Saramagos Das Evangelium nach Jesus Christus oder Die Stadt der Blinden verbindlich vorzugeben, könnten Pädagogen künftig auch auf Ein Gott, der im Abendwind spaziert ausweichen. Bildungsminister Fernando Alexandre begründete die geplante Reform mit einer rein fachlichen Bewertung und wies politische Motive zurück.
Doch der Abgeordnete Porfírio Silva von der Sozialistischen Partei interpretiert die Änderung anders. Er bezeichnet sie als Teil einer systematischen 'Verfolgung' Saramagos durch konservative Kreise in Portugal. Silva schlug zudem vor, die Liste der wählbaren Autoren um weitere renommierte Namen zu erweitern – darunter Agustina Bessa Luís, António Lobo Antunes und Gonçalo M. Tavares.
Bisher ist keine endgültige Entscheidung gefallen. Die öffentliche Konsultation zum Entwurf läuft noch, und das Ergebnis hängt von den laufenden parlamentarischen Beratungen sowie dem Feedback aus der Bevölkerung ab. Die Debatte spiegelt dabei auch die tieferliegenden Spannungen zwischen bildungspolitischen Reformen und dem Umgang mit dem kulturellen Erbe des Landes wider. Sollte die Reform wie geplant umgesetzt werden, erhalten portugiesische Schulen mehr Freiheit bei der Gestaltung des Literaturunterrichts. Gleichzeitig bleibt abzuwarten, wie sich die politische und öffentliche Diskussion weiterentwickelt – insbesondere vor dem Hintergrund der Vorwürfe, Saramagos Werk gezielt zu marginalisieren. Die endgültige Fassung der Lernstandards wird erst nach Abschluss der Konsultationen und parlamentarischen Beratungen feststehen.
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