Digitale Gewalt trifft fast jeden zweiten Jugendlichen in Deutschland
Hannah BöhmDigitale Gewalt trifft fast jeden zweiten Jugendlichen in Deutschland
Digitale sexualisierte Gewalt nimmt zu – fast die Hälfte der jungen Menschen in Deutschland ist betroffen
Eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit unterstreicht das Ausmaß des Problems, das von Belästigung in Klassenchats bis zu schweren Straftaten wie Cybergrooming reicht. Fachleute fordern nun umfassendere Maßnahmen – von Schulen und Eltern bis hin zu Technologieunternehmen –, um die Herausforderung wirksam zu bekämpfen.
Drei Jahre lang leitete die Expertin Yasmina Ramdani in Thüringens Schulen Präventionsworkshops und erreichte rund 5.000 Schülerinnen und Schüler. Im Mittelpunkt ihrer Seminare standen die Bestätigung der Gefühle junger Menschen, die Vermittlung ihrer Rechte und die Vorbeugung digitaler Gewalt. Viele Vorfälle, so Ramdani, ereigneten sich innerhalb von Freundeskreisen oder Klassenchats – oft aus Naivität, nicht aus böser Absicht.
Ramdani ist überzeugt, dass die digitale Sicherheit von Kindern maßgeblich davon abhängt, wie gut Erwachsene sie darauf vorbereiten. Eltern müssten ihr eigenes Verhalten reflektieren und offen mit ihren Kindern über Grenzen sprechen, betont sie. Lehrerinnen und Lehrer seien zwar sensibilisiert, fühlten sich aber häufig überfordert, das Thema angemessen zu behandeln.
Das Problem beschränkt sich nicht auf Schulen. Prominente Fälle wie die Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen wegen digitaler Gewalt haben die öffentliche Aufmerksamkeit auf Missbrauch im Netz gelenkt. Cybergrooming – bei dem Täter Kinder über Chats manipulieren, um sie später zu belästigen oder zu missbrauchen – bleibt eine anhaltende Bedrohung. Ramdani besteht darauf, dass eine gesamtgesellschaftliche Lösung nötig ist, einschließlich einer kritischen Prüfung der Rolle von Tech-Konzernen, die solches Verhalten ermöglichen.
Das Pilotprojekt in Thüringen war ein erster Schritt zur Bekämpfung digitaler sexualisierter Gewalt, doch bundesweite Daten dazu, wie viele Schulen ähnliche Programme eingeführt haben, fehlen. Angesichts der Tatsache, dass fast jeder zweite junge Mensch betroffen ist, bleibt der Bedarf an Aufklärung, Begleitung durch Erwachsene und strukturellen Veränderungen dringend. Schulen, Familien und Politiker müssen zusammenarbeiten, um Risiken zu verringern und Betroffene zu unterstützen.






